Eberswalder Asylbewerberheim brennt vor 20 Jahren ab.

Die Geschichte des Eberswalder Asylbewerberheimes in der Spechthausener Straße 1 endete am 29. November 1992 um null Uhr fünf. In einem Polizeiprotokoll heißt es dazu knapp:
” Durch schwere Brandstiftung unbekannter Täter mittels ”
” Benzin brannte eine Baracke völlig nieder. Ein Wachmann ”
” erlitt eine Rauchvergiftung. Die Asylbewerber wurden nach ”
” Brodowin umquartiert. ”

Quelle: Der Spiegel 36 / 1994

Nacht für Nacht Bombenalarm! Wir wissen, ein falscher aber manchmal denken wir, was ist wenn es stimmt und dann gehen einige raus. Manche brachten immer nur das Gepäck nach draußen. Wie lange wird es noch dauern? Wann wird diese Folter aufhören? Wir beschäftigten uns mit solchen Gedanken und ahnten nicht, daß es unsere letzte Nacht war. Wir saßen zu mehreren in meinem Zimmer und unterhielten uns. als wir gegen Mitternacht einen Krach auf dem Flur hörten. Dann hörten wir >>Feuer, Feuer<<. Wir liefen auf den Korridor und sahen, daß es brannte. Wir brachten sofort alle Kinder und Greise raus. Manche wurden bewußtlos aber geschockt waren wir alle. Vor unseren Augen brannte das Heim lichterloh. Wir hörten immer wieder Schreie: Wo ist mein Kind? Wo ist meine Mutter? Manche weinten um Gepäck und Geld. Es war richtig katastrophal und chaotisch. Einerseits versuchten wir, die Bewußtlosen wieder zu Bewußtsein zu bringen, andererseits mußten wir jeden fragen, ob noch jemand im Heim sein könnte. Wir fragten die Bosse, wo die Feuerwehr geblieben ist. Ja, sie kam erst nach 45 Minuten, als von dem Heim nur noch die Hälfte übrig geblieben war.

In dieser Nacht kümmerten sich auch die deutschen Nachbarn sehr viel um uns. Einige luden Frauen und Kinder zu sich ein und wieder andere kümmerten sich um die Bewußtlosen oder trösteten uns. Alle Flüchtlinge guckten unter Tränen zu, wie ihre Bleibe abbrannte. Wir verfluchten alles nur noch. Einige waren ohne Schuhe oder nicht ganz angezogen rausgerannt aber es hatten alle überlebt und wir waren dafür dankbar.

Quelle: Mesut K., ..SIE WOLLTEN UNS JA NICHT WIE MENSCHEN BEHANDELN, in Rassismus in Deutschland – Das Beispiel Eberswalde, Seite 90, Herausgeberin: Antirassistische Initiative Berlin  e.V., 1994 (ganzer Artikel als Datei)

Konzept Erinnern an Amadeu Antonio von der StVV beschlossen

19 Stadtverordnete und der Bürgermeister stimmten beim namentlichen Voting am vergangenen Donnerstag für das Konzept Erinnern an Amadeu Antonio. Mit dieser eindeutigen Entscheidung, 6 Stadtverordnete hatten dagegen gestimmt und 6 hatten sich ihrer Stimme enthalten, wurde ein deutliches Signal gesetz, dass Eberswalde zu seiner Geschichte steht und sich mit Rassismus auseinander setzt.

In der Pressemitteilung der Stadt Eberswalde heißt es:

Zuvor hatte das Stadtoberhaupt darin erinnert, dass in Deutschland wieder Menschen ermordet werden, weil sie Ausländer sind. “Auch Amadeu Antonio wurde 1990 wegen seiner Hautfarbe ermordet, er war dunkelhäutig und er war Ausländer. Und genau das unterscheidet diesen Mord von anderen grausamen Verbrechen, auch in Eberswalde”, so der Bürgermeister, der hervorhob, dass kein anderes Verbrechen die Stadt so nachhaltig verändert habe, wie der Mord an Amadeu Antonio. “Wir sind aufgestanden und haben der rechten Szene Einhalt geboten, wir standen zusammen und haben gemeinsam gehandelt.”

Mit dem Konzept wird es u.a. einen Amadeu-Antonio-Preis für herausragende antirassistische Projekte geben. Außerdem wurde der Vorschlag der CDU aufgegriffen, der  die  Benennung des Bürger-Bildungs-Zentrums, in dem Kita und Stadtbibliothek untergebracht sein werden, in Amadeu-Antonio-Haus vorsieht.

“Eberswalde hat sich seiner großen Verantwortung gestellt.  Wenn wir uns am 06. Dezember aus Anlass des 22. Todestages an der Gedenktafel von Amadeu Antonio treffen, können wir mit erhobenem Haupt dorthin gehen und ein klares Zeichen gegen rechte Gewalt setzten”, so der Bürgermeister vorausblickend. “Wir alle stehen für die weltoffene, tolerante und bewusst ausländerfreundliche Stadt Eberswalde.”

Nachsatz von mir: Ausländer hin oder her, Amadeu Antonio wäre auch erschlagen worden, wenn er Deutscher gewesen wäre. Er war Schwarz, das war der einzige Grund, warum er sterben musste.

Hier eine gute Zusammenfassung des Rundfunk Berlin-Brandenburg.

Am Tag der Entscheidung erschien in der taz ein gelungener Artikel von Dena Kelishadi, der den “Kampf um die Erinnerung” zusammenfassend beschreibt.

Neues Bildungszentrum wird Amadeu Antonio Haus

Die Märkische Oderzeitung kurbelt gerade die Diskussion um ein Für und Wider der Benennung des neuen Bildungszentrums in Amadeu Antonio Haus an. Was als Scherbenhaufen bezeichent wird, ist keiner. Vielmehr zeichnet sich ab, dass wir zu einem würdigen Gedenken an Amadeu Antonio gelangen.

“Ausschlaggebend für das Amadeu Antonio Haus ist die starke öffentliche Wahrnehmbarkeit und Symbolkraft sowie die Möglichkeit und Notwendigkeit, das Haus im Sinne einer antirassistischen Bildung zu profilieren. Das Amadeu Antonio Haus wird ein weithin sichtbares Zeichen für Geschichtsbewusstsein und gegen Rassismus. Das Amadeu Antonio Haus wird die Erinnerung an den Menschen Amadeu
Antonio wach halten und sich als Ort entfalten, an dem Bildung, als Grundlage von
Aufklärung, Humanismus und gegen Rassismus zuhause sind. Das Amadeu Antonio Haus wird dazu beitragen, das Bild der Stadt (auch in der bundesweiten) Öffentlichkeit als ein Gemeinwesen stärken, dass sich seiner Geschichte stellt und erkennbare Konsequenzen daraus zieht.”

Für die Stadtverordnetenversammlung am nächsten Donnerstag liegt ein Konzept Erinnern an Amadeu Antonio zur Befürwortung vor, das die Frage “Wie erinnern?” umfassend beantwortet und eine Vielzahl von Ideen zusammenfasst.

Neben dem kommenden Amadeu Antonio Haus sind das folgende:

  • Bei einer Neugestaltung der Gedenktafel soll “die altdeutsche Schriftart der Gedenktafel” durch eine “zeitgemäßen Typografie” ersetzt werden. Was wohl dazu führt, dass die alte Tafel Bestandteil einer Ausstellung im zukünftigen Amadeu-Antonio-Haus wird.
  • Unter Federführung der Verwaltung sollen Materialien für Projektarbeit in der Grundschule und der Sekundarstufe 1 erarbeitet werden. “Das Projekt hat als Lernziel Wissen über Amadeu Antonio als Person, die Tat und altersgerechtes Grundwissen über Vorurteile, Diskriminierung und die Würde des Menschen zu vermitteln.”
  • “Vorbehaltlich der Finanzierbarkeit soll auch die Idee einer bebilderten Geschichte (der Begriff Comic ist hier durch den inzwischen gebräuchlichen Begriff Graphic Novel ersetzt, da Comic umgangssprachlich mit lustigen Geschichten assoziiert wird) über Amadeu Antonio aufgegriffen werden. [...] Es ist eine zeitgemäße und niedrigschwellige Form der Erinnerung und Geschichtsbearbeitung.”
  • “Der Amadeu Antonio Preis ist ein bundesweit ausgeschriebener Preis der sich an
    antirassistische Bildungsprojekte richtet. Der Preis ist mit 1000 € dotiert und kann [...] erhöht werden. [...] Der Preis und die Preisverleihung erhöhen die öffentliche Wahrnehmbarkeit der Initiativen und tragen zu einem Klima bei, in dem antirassistisches Engagement den öffentlichen Diskurs bestimmt.”
  • Fortbildungen für Kita- und Verwaltungsmitarbeiterinnen und -mitarbeiter
    “Im Vordergrund steht in diesem Aktionsfeld nicht nur die Erinnerung an Amadeu Antonio sondern eine antirassistische Strategie überhaupt.”

Die Stadtverwaltung macht sich mit ihrer Beschlussvorlage BV/875/2012 die Ergebnisse zweier öffentlicher Workshops weitestgehend zu Eigen. “Dies betrifft insbesondere die Feststellung, das Erinnern an Amadeu Antonio nicht mit anderen Opfern von Gewalttaten zusammen behandeln zu wollen. Der Mord an Amadeu Antonio markiert einen wichtigen Punkt in der Geschichte Eberswaldes und ist in direktem Bezug zur Geschichte der Pogromstimmung in Ostdeutschland Anfang der 90er Jahre zu sehen. Das Schicksal von Amadeu Antonio markiert vor diesem Hintergrund einen Wendepunkt und muss entsprechend behandelt werden. Und zu Recht sehen wir, das Eberswalde als Gemeinwesen an der Bearbeitung dieses Teils seiner Geschichte gemessen
wird.”

Dokumentation des zweiteiligen Workshops “Ideensammlung zum Gedenken
an Amadeu Antonio” am 17.09. und 24.09.2012, jeweils 17 bis 20.30 Uhr
Ort: Familiengarten / Eberswalde