Ein großer Verlust – Zum Tod von Gert Schramm (25.11.1928 – 18.04.2016)

Gert Schramms Tod ist ein großer Verlust – für seine Familie und Freunde, für Eberswalde und in der Arbeit für eine friedlichere Welt. Ein aufrechter Mensch und Zeitzeuge fehlt uns nun.
Wir trauern um Gert Schramm als einen innerlich starken Menschen, dessen Leben massiv bedroht war durch rassistischen Wahnsinn. Er ließ sich dadurch aber nicht beirren, ging aufrecht seinen Weg und berichtete 2011 in seinem Buch “Wer hat Angst vorm schwarzen Mann” anschaulich über sein Leben in Deutschland.
Als Sohn von Marianne Schramm und Jack Brankson (einem Schwarzen Stahlarbeiter aus Kalifornien mit kubanischen Wurzeln, dessen Spuren sich auf dem Weg in das KZ Auschwitz verlieren) wurde er in Erfurt geboren und wuchs in Thüringen auf. Mit 14 Jahren verhaftete und misshandelte ihn die Gestapo nur wegen seiner Hautfarbe. Im KZ Buchenwald ließen sie ihm die Häftlingsnummer 49489 in die Haut brennen. Ohne die Solidarität anderer Häftlinge hätte er die Schrecken des KZ nicht überlebt.
Seit 1964 lebte und wirkte Gert Schramm in Eberswalde, arbeitete in Bau- und Transportbetrieben, dann als selbständiger Taxiunternehmer. Er war ehrenamtlich aktiv in der Feuerwehr und in anderen Vereinigungen im Ort.
1990 endete in der Nacht zu Gert Schramms 62. Geburtstag eine rassistische Hetzjagd auf Schwarze in Eberswalde für Amadeu Antonio im Koma, aus dem dieser nicht mehr erwachte. Gert Schramm widersprach rassistischen Aussagen und rechtsextremen Tendenzen auf der Straße, im Betrieb und im Taxi, als Zeitzeuge in Schulen und Jugendklubs. Ihm war wichtig, dass gerade auch die Jüngeren erfahren, was in Deutschland möglich war – und bleibt, wenn dem Hass und der Gewalt zu leise widersprochen wird.
Auch darum arbeitete er bis zuletzt als Mitglied des Beirats ehemaliger Häftlinge des Konzentrationslagers Buchenwald für das Erinnern und unterstützte das Gedenken an Amadeu Antonio in Eberswalde. Im Dezember 2015, am Tag der Menschenrechte besuchte er im Amadeu-Antonio-Haus die Lesung “Mein Weg vom Kongo nach Europa” mit dem Aktivisten Emmanuel Mbolela, in dem es um Fluchtgründe und -bedingungen heute geht.
Im April 2014 ehrte Deutschland Gert Schramm mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande. In seiner Dankesrede dazu erinnerte er an den Schwur, den er als Überlebender des KZ Buchenwald am 19. April 1945 geleistet hatte, und der ihn verpflichte, sich einzusetzen für Frieden und Freiheit und dafür, dass die Schuldigen für nationalsozialistisches Unrecht  einer gerechten Strafe zugeführt werden. „Bis zu meinem Lebensende werde ich diesem Schwur folgen“, versicherte er und fügte hinzu: „Ich widme meine Aufklärungsarbeit der Jugend unseres Landes. Denn sie ist der Garant der Zukunft.“
Wir sind dankbar für einen so wahrhaftigen, aufrechten und aktiven Menschen.
Gert Schramm lebte 87 Jahre, 4 Monate und 24 Tage. Er überlebte die mörderische Diktatur, die ihn ausschließen und umbringen wollte, um mehr als 70 Jahre.
Rest in peace.
Unsere Anteilnahme gilt seinen Angehörigen.
Augusto Jone Munjunga für den Afrikanischen Kulturverein Palanca e.V., Eberswalde
Steffen Ehlert und Devrim Baran Dincer für die Barnimer Kampagne “Light me Amadeu”, Eberswalde
Florian Görner für das Jugendbündnis F.E.T.E. (Für ein tolerantes Eberswalde)
Dieter Gadischke und Heinrich Oehme für die Evangelische Jugendarbeit Barnim
Austen P. Brandt für Phoenix e.V. – Für eine Kultur der Verständigung, Duisburg

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